Wie gut sind KI-generierte Texte eigentlich inzwischen? Sind wir als Lesende überhaupt noch in der Lage eindeutig festzustellen, ob eine Geschichte oder gar ein Roman von einer KI geschrieben wurde oder von einem Menschen? Und was bedeutet das für uns als Schreibende? Diese Fragen habe ich am Wochenende im Rahmen der Leipziger Autorenrunde gestellt. Die Autorenrunde ist die größte Autorenkonferenz in Deutschland und bietet interessierten AutorInnen die Möglichkeit, sich zu allen denkbaren Themen des Schreibens und Veröffentlichens zu informieren und darüber zu diskutieren.
Ich habe den Teilnehmenden drei kurze Textpassagen vorgelegt. Zwei Ausschnitte aus Romanen von sehr bekannten Autorinnen mit starken und eigenwilligen Erzählstimmen und eine KI-generierte Szene, die ich selbst gepromptet, aber nicht überarbeitet hatte. Vom Ergebnis der kleinen Quizrunde war ich selbst überrascht: Knapp 50% der Teilnehmenden tippte falsch oder konnte sich nicht festlegen.
Was heißt das?
👉 Ein gut geprompteter KI-Text erreicht mittlerweile ein Niveau, dass für viele Lesende von "echter" Literatur kaum noch zu unterscheiden ist.
👉 Selbst geübte LeserInnen und Textprofis sind nicht immer zweifelsfrei in der Lage, die Unterschiede auszumachen.
Wie gehen wir damit um, wenn ein erheblicher Teil der Leserschaft es kaum oder gar nicht mehr merkt, dass sie es mit künstlich generierten Texten zu tun hat? Und was können wir Schreibende tun, um trotzdem im hart umkämpften Buchmarkt weiterhin bestehen zu können? Wie bleiben wir unterscheidbar? Geht das überhaupt noch?
In der Runde meldete sich ein Teilnehmer zu Wort, der es wissen muss: ein Neurowissenschaftler, der an der Entwicklung von KI-Textmodellen mitarbeitet. Er sieht die Entwicklung noch immer sehr am Anfang und was wir jetzt an Ergebnissen bekommen, ist noch weit von dem textlichen Niveau entfernt, das eines Tages erreicht werden wird.
Aber er konnte uns trotzdem beruhigen, denn die Künstliche Intelligenz wird eines immer sein: künstlich. Tiefempfundene Emotionen kann sie nicht erzeugen, weil sie sie nicht kennt. Sie errechnet Wahrscheinlichkeiten, was sie schreiben kann, ist immer erwartbar, vorhersehbar. Literatur aber, die in uns tiefempfundene Emotionen auslösen kann, ist eben genau das nicht. Sie überrascht uns und bringt uns manchmal an Grenzen. Das Erwartbare berührt uns nicht - das Unerhörte sehr wohl.
Und das ist unsere Chance: Wir müssen so schreiben, dass wir als Mensch in unseren Texten spürbar sind. Wir dürfen uns nicht hinter Phrasen verstecken. Wir müssen uns ent-blößen. Und das bedeutet: Wir müssen starke, eigene Erzählstimmen entwickeln, die unverwechselbar sind und unsere Leserschaft über universell menschliche Emotionen an uns bindet. Keine leichte Aufgabe, aber es geht.
NB: Wie wichtig die persönliche Bindung zwischen LeserIn und AutorIn ist, durften wir auf der Leipziger Buchmesse dieses Jahr beobachten. Knapp 300.000 BesucherInnen strömten auf das Messegelände. So viel wie nie zuvor. Die meisten davon LeserInnen, oft jung, die ihre Lieblingsautorin oder ihren Lieblingsautorin sehen wollten, ein signiertes Exemplar ergattern wollten, vielleicht sogar ein Foto mit ihrem Star posten wollten.
Müssen wir jetzt alle zum TikTok-Star werden? Ich denke nicht.
Leserbindung entsteht nicht nur auf Social Media. Unser Medium ist in erster Linie die Sprache. Hier sind wir die ExpertInnen. Und die Erzählstimme ist unser wichtigstes Instrument im Werkzeugkasten des Erzählhandwerks, denn sie webt die Emotion, das Menschliche in eine Geschichte ein.
Wir kriegen den Geist nicht mehr zurück in die Flasche. Die Künstliche Intelligenz ist eine ernstzunehmende Konkurrenz geworden. (Dass sie dies auf Basis von krassen Urheberrechtsverletzungen werden konnte steht nochmal auf einem anderen Blatt.) Verlage werden möglicherweise bald schon InfluencerInnern mit hoher Reichweite als AutorInnen promoten, deren Romane KI-generiert oder zumindest durch KI unterstützt geschrieben wurden.
Trotzdem haben wir eine Chance. Dafür aber müssen wir besser sein als die KI. Als Mensch in unseren Texten greifbar.
Starke Erzählstimmen zu entwickeln, eine eigene charaktervolle Autorenstimme zu entwickeln ist meiner Ansicht nach die wichtigste Aufgabe, der wir uns stellen müssen.
Wie das geht? Das zeige ich unter anderem in meiner Artikelreihe, die demnächst in der Federwelt erscheinen wird :-).
Höre zum Thema auch den Federwelt-Podcast
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